Familie Schulz

Familiengeschichten aus der Kriegszeit

 

Wir wohnten in der sächsischen Kleinstadt Großenhain. Das heißt, nur meine Mutter und ich. Der Vater war im Kriege. Als sich im Februar 1945 die Front auch Großenhain näherte, wurden am Stadtrand Lastkraftwagen zur Flucht Richtung Westen bereitgestellt. Meine Mutter, damals 31 Jahre alt, hatte aufgrund der Horrormeldungen Angst und wollte flüchten. Auf diese Weise kamen wir bis in die Nähe von Chemnitz und „wohnten“ mit einer anderen Familie in einer Waschküche bei fremden Leuten.

 

Einige Monate nach der Kapitulation wollte meine Mutter wieder nach Großenhain zurück. Zugverbindung gab es wohl noch nicht. Aber es fuhr eine Lok ohne Waggons in diese Richtung. Auf dem Kohlentender hockten viele Menschen. Für uns war schon kein Platz mehr. Jemand aber hatte Mitleid und zog mich auf den Tender; meine Mutter hangelte sich auf einen Puffer und hielt sich dort fest. Wir erreichten mit einigen Mühen sowie Umwegen Großenhain und unsere Wohnung. Nichtgeflüchtete Nachbarn erzählten uns, dass sich in der Wohnung zeitweilig Sowjetsoldaten aufgehalten, getanzt und gefeiert hätten. Zur Überraschung meiner Mutter waren keine Schäden an den wohl wertvollen Möbeln erkennbar. Noch größer war die Überraschung im Kohlenkeller. Meine Mutter hatte das Silberbesteck in einer Kiste unter den Kohlen verborgen. Die Soldaten hatten Kohlen verbraucht und die Kiste teilweise freigelegt, jedoch nicht geöffnet.

 

Meine Mutter musste am Bahnhof Schienen abbauen helfen. Diese sollten nach Osten geschafft werden. Das war sehr schwer. Ich kam mit anderen Kindern tags in die Wartehalle des Bahnhofes. Jedoch währte das nicht sehr lang. Wenige Wochen später trafen als Flüchtlinge Großmutter und Vaters Schwester bei uns ein. Sie waren aus einem Dorf bei Grünberg (jetzt Zielona Gora, Polen) von ihrem kleinen Bauernhof von Polen vertrieben worden. Großvater überlebte die Flucht nicht. Er war gesundheitlich bereits angeschlagen, weil er sich lange vorher schon gegen den Krieg geäußert hatte und deswegen im Gefängnis war. Meine Mutter nähte für russische Frauen, die am Flugplatz wohnten. Das half um den Hunger zu verringern. In der nahegelegenen Turnhalle lagerten zahlreiche Flüchtlinge. Sie kamen auch zu uns und bettelten um Kartoffelschalen. Meine Mutter verneinte. Als ich ihr gegenüber dann mein Unverständnis ausdrückte, erwiderte sie, dass sie die Schalen selbst brauche um für Eier eintauschen zu können.

 

Mein Vater war vor Kriegsende beim Wehrbezirkskommando, also faktisch Verwaltungsangestellter, und sollte in den letzten Kriegstagen an der Front zum Endsieg beihelfen. Er war dann bei Eger, Ungarn, in ein Gefangenenlager gekommen. Der Krieg schien beendet, doch trat er in dem Lager auf eine Miene und verlor ein Bein. Als er relativ zeitig entlassen wurde und zu uns kam, beschlossen meine Eltern nach Finsterwalde zu meinen Großeltern zu ziehen. Im Hause meiner Großeltern aber war als Einquartierung noch ein sowjetischer Offizier mit Frau und Tochter. Es war sehr eng. Wir hatten ein relativ gutes Verhältnis zueinander. Die Tochter wurde Ellis, vermutlich nach Alice oder nach Eleanor, genannt. Damals waren die russisch-amerikanischen Beziehungen noch anders. Wir verstanden uns als Kinder und sie wuchs gemischt zweisprachig auf, was ihren Eltern jedoch weniger gefiel. So kam es vor, dass Ellis mich auch mal zum Essen rief: „Komm uschi uschi machen. Es gibt Kapusta“. Also Abendessen mit Krautsuppe. Das konnte manchmal Suppe aus selbst gesammeltem Sauerampfer sein, den sie auf Wiesen pflückten. Auch in den Nachbarhäusern befand sich Einquartierung, die aber manchmal nicht so umgänglich war. Nebenan wollten die Soldaten die unbequeme Außentoilette nicht benutzen und funktionierten ein Zimmer als Toilette um, ohne dass solche Voraussetzungen bestanden. Es stank. Uns gegenüber wohnte eine junge Frau mit ihren Eltern. Sie gefiel dem dort einquartierten Sowjetsoldaten, der wütend einmal mit der Pistole durch die Glasscheiben des überdachten Einganges ballerte, weil sie seine Freundschaftsanträge nicht akzeptieren wollte. Jedoch die viel erzählten schlimmen Probleme mit Sowjetsoldaten konnten wir nicht nachvollziehen.

 

Meine Mutter nähte auch hier wieder für russische Frauen, die jetzt am Finsterwalder Flugplatz wohnten. Das war ein willkommenes Zubrot. Als die Einquartierungen schon längst ausgezogen waren, kamen immer noch Rotarmisten mit LKW und lagerten in der Nähe. Es handelte sich um pausierende Fahrschüler, die von uns Kindern dabei belästigt wurden. Wir wollten auf der Ladefläche immer wieder gefahren werden. Das taten sie dann auch öfter. Trotz der teilweise berichteten Beziehungsprobleme kannten wir keine Angst. Viele Einwohner aus dem Ort hielten sich nun eine Ziege zum Aufbessern des Nahrungsangebotes mit Milch oder Fleisch, obwohl sie keine eigene Wiese als Futterquelle hatten. Meine Eltern taten das auch. Kleine Abhilfe gaben die Wiesenflächen auf dem Flugplatz. So fuhr man mit einem Leiterwagen bis an die Rollbahn und sichelte dort das Gras daneben ab. Manche nahmen die Ziege auf dem Handwagen auch gleich mit und ließen sie dort weiden. Die Rotarmisten schauten dem zu und trieben die Besucher erst dann schnell weg, wenn ein Flugzeug fliegen sollte. Neben dem Eingang zum Flugplatz stand eine alte Flak, mit der wir Kinder unbehelligt spielen konnten. Überall lag noch scharfe Munition. Dieses seltsame Idyll sollte sich jedoch später sehr ändern, als ein intensiver Flugbetrieb begann und die MIGs ohne Unterbrechung auch extrem laute Nachtflüge vornahmen.

 

Ich weiß, vergleichsweise haben wir günstig überlebt. Nachdem ich russisch in der Schule lernte, oft Briefwechsel mit Russinnen hatte und viel später als Auszeichnung eine Reise nach Moskau geschenkt bekam, hörte ich mehr über die ungeheuerlichen Probleme aus dem Kriegsgeschehen, die ich als Kind so kaum erfasst hatte.

 

Nie wieder soll soetwas kommen.

Horst Schulz, Sohn

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