Familie Arnold

(Das Originalfoto ist natürlich schwarz-weiß. Mit modernen Technologien konnte es etwas lebendiger gemacht werden. In der Mitte sind meine Urgroßeltern Peter und Anette Arnold, umgeben von ihren Kindern.)

Unsere deutsch-russische Familie kann sich nicht ihrer Helden rühmen, die von der Front zurückgekehrt sind. Aber wie viele andere haben wir in der Zeit vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg viel durchgemacht. Und darüber möchte ich erzählen, was ich von meiner geliebten Oma Adele erfahren konnte. Sie ist das älteste Mädchen auf diesem Foto (links von ihrer Mutti Annete), die ihre Eltern sehr bei der Erziehung ihrer Geschwister unterstützte. Insgesamt hatte die Familie dreizehn Kinder.

Die Familie lebte in der Nähe von Odessa in der deutschen Siedlung Jeremejewka, sie hatten eine große Wirtschaft, Weinberge, Pferde und ein Haus. Noch vor dem Krieg ereilte sie die Welle der Enteignung der Großbauern. 1940, als Bessarabien von den sowjetischen Truppen eingenommen wurde, mussten sie sich unverzüglich einfinden, durften nur das Nötigste mitnehmen und mussten sich nach Deutschland zu begeben. Wie mir meine Oma erzählt hat, erinnert sie sich daran, wie sie lange zu Fuß unterwegs waren, wobei die Kinder in einem Leiterwagen saßen, der von einem Pferd gezogen wurde.

1948-1949, etwa ein Jahr nach dem Kriegsende lebten sie in Deutschland in der Nähe von Leipzig in Teutschenthal. Uropa Peter wurde in seiner Kindheit eine gute Bildung zuteil. Er wurde darauf vorbereitet, Priester zu werden, obwohl er selbst sich eher der Wissenschaft zugetan fühlte. Als Junge ging er im Ausland zur Schule, vor allem in Polen. Nach dem Armeedienst absolvierte er die Deutsche Pädagogische Hochschule in Odessa. Dann war er als Lehrer tätig. 1945 kam in Odessa der mittlere Sohn Albert zur Welt.

Eine der deutlichsten Erinnerungen der Oma war folgende: „Wir fuhren mit dem Bus oder mit der Straßenbahn, offensichtlich wurden wir evakuiert. Aber Vati war nicht bei uns. Wir machten uns schreckliche Sorgen um ihn. Und auf einmal sah ihn mein Brüderchen total zufällig und fing an zu schreien: „Papi! Papi!“ Unsere Mutti bat darum anzuhalten, und Vati konnte sich zu uns setzen. Am Tag darauf, wurde die Stadt, aus der wir flohen, zerbombt …“

Nach dem Kriegsende wollte unsere Familie in ihr Haus zurückkehren. Man versprach ihnen, sie dorthin zurückzubringen. Sie wurden in einen Güterzug gesetzt und nach Sibirien in die Nähe von Krasnojarsk gebracht. Das waren vier furchtbare Monate in einem kalten Eisenbahnwaggon nahezu ohne Essen und Trinken. Alle waren in großer Angst um ihr Leben und in Ungewissheit davor, was sie zu erwarten hatten. Viele kamen nie an ihrem Ziel an, aber unsere Familie schaffte es.

Sie wurden in den Ort Prediwinsk am Jenissei 150 Kilometer von Krasnojarsk umgesiedelt, wo ich später geboren wurde. Mein Uropa Peter arbeitete dort als Lehrer in einer Schule. Man kann sich kaum vorstellen, wie schrecklich und schwierig das war. Die Familie wurde von den Einheimischen gehasst. Die Kinder aus den russischen Familien trachteten danach, sowohl den Lehrer als auch seine Kinder zu beleidigen. Die erwachsenen Nachbarn wünschten ihnen den Tod. Aber unser Uropa war ein sehr weiser Mensch und reagierte nicht auf die Anfeindungen, so wie auch seine Kinder. In einer ursprünglich deutschen Familie mussten sie sich von ihrer Muttersprache lossagen, um überleben zu können. Nach einigen Jahren hatte meine Oma das Deutsche vollkommen vergessen und erlernte es erst später wieder in der Schule.

Sie litten großen Hunger und ernährten sich von Unkraut. Mit Melde wurde alles zubereitet: Suppe, Kartoffeln und zu den Feiertagen auch Kuchen. In der Schule wurde ihnen beigebracht, auf Zeitungspapier zwischen den Zeilen zu schreiben. Einmal hatte der Lehrer einen Apfel mit in die Schule gebracht, und die Kinder sahen ihn wie gebannt an, denn ein solches Wunder sahen sie zum ersten Mal.

1953 wurde die Familie rehabilitiert, sie erhielten ihre Papiere und konnten aus der Siedlung ausreisen. In den Geburtsurkunden sämtlicher Kinder steht nur ein einziges Datum, der 1. Januar. Lediglich das tatsächliche Geburtsjahr wurde bei allen eingetragen.

Meine Kindheitserinnerungen sind, als Uroma Anette noch bei uns war, dass sich die ganze nun schon sehr zahlreiche Familie mit Enkeln und Urenkeln zu jedem Feiertag um sie versammelte. Und sie hatte dazu Strauben und Streuselkuchen gebacken. Als ich noch klein war, konnte ich überhaupt nicht begreifen, warum Kuchen Kuchen genannt wird. (Das russische Wort „kuchnja“ bedeutet Küche.)

Mich hat es immer nach Deutschland gezogen, und 75 Jahre, nachdem meine Familie dieses Land in der Hoffnung verlassen hatte, nach Hause zurückzukehren, habe ich hier meine zweite Heimat gefunden. Ich bin sowohl den Russen als auch den Deutschen sehr dankbar für ihre Menschlichkeit und dafür, dass unsere Familie trotz aller Prüfungen überleben konnte. Ich denke, dass unsere Familie Helden sind, weil sie sich trotz alledem gegenseitig gestützt haben und damit überleben konnten, Familien gründeten und zu geachteten Menschen wurden, wenn auch im Land des „ehemaligen Feindes“, aber nun unter nahestehenden Menschen.

Viktoria Arnold, Enkelin

(Übersetzt von Ehrengard Heinzig)

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