„Eigentlich hatte ich Glück …“
(oder „Der Oberveteran vom Admiralitätswerk“)

Interview mit Wladimir Romanowitsch Licht

 

W: Woraus bestand eine Ration für die Arbeiter der Gießerei in den Jahren der Blockade?

 

Licht: Für uns war die doppelte Ration an Brot vorgesehen, 250 Gramm, für Nichtberufstätige gab es nur 125 Gramm. Deshalb versuchten viele Absolventinnen der Leningrader Schulen, die wegen des Krieges nicht ihr Studium beginnen konnten, zu uns in den Betrieb zu kommen. Aber konnten ihre zarten Hände denn Granaten für den Bedarf der Leningrader Front gießen? Das Werk wurde ständig bombardiert, und viele dieser Mädchen fanden dort den Tod. Als im November 1942 die große Kälte einsetzte, waren alle Kräfte darauf gerichtet, die Werkhallen zu beheizen, um einen störungsfreien Betriebsablauf zu gewährleisten. Wir bauten alle Holzhäuser am Stadtrand ab und transportierten das Holz anfangs mit Pferden. Als es in unserem geliebten Petersburg aber kein einziges Tier mehr gab, schleppten wir es auf Schlitten heran.
 

Über die Lebensmittelkarte des Werkes konnte man in der Kantine einen sehr dünnen Hirsebrei zum Frühstück bekommen, zu Mittag eine Suppe aus verdorbenem Mehl, das vom Grund des Ladogasees gefördert wurde. Aber auch so war es nicht möglich, es über den „Weg des Lebens“ zu den hungerleidenden Leningradern zu bringen.
 

Als wir aus Anlass des 25. Jahrestages der Oktoberrevolution zu einem feierlichen Abendessen in die Kantine eingeladen wurden, da wurde uns vom Duft der gerösteten Kartoffelschalen, die wir sozusagen als Vorspeise zu den 100 g Wodka bekamen, ganz schwindlig.
 

Akademiemitglied Lichatschow, der die Blockade ebenfalls überlebte, sagte später einmal zu Recht: „Wer von uns ist ein Held der Blockade? Wir waren Märtyrer dieser Zeit.“
In die Stadt gingen wir kaum. Über den Newski Prospekt fuhr keine Straßenbahn mehr. Einmal besuchte ich meine Schwester und kaufte unterwegs Tischlerleim, aus dem sie dann irgendein Gelee kochte.

 

Als wir mit unseren Kräften am Ende waren, gingen wir in die große Werkhalle, wo die fertigen Schiffe über Spezialschwellen in die Newa gelassen wurden, die damals der Vorschrift nach mit Hammelfett eingeschmiert wurden; die Reste davon sammelten wir danach auf …
Für diese Widerstandskraft haben wir Überlebende der Blockade dann wahrscheinlich die „Tapferkeitsmedaillen“ bekommen.

 

W: Wie konnte man Sie als Blockadeopfer, der zudem eine Freistellung als Spezialist eines Verteidigungsbetriebes hatte, an die Front berufen?
 

Licht: Bis zum Juni 1943 konnte mich meine Werksleitung schützen, 16 Einberufungen wurden abgelehnt. In der letzten stand: „Ohne das Recht auf Ersatz.“
Als gesetzestreuer Mensch ging ich an die Front, als einfacher Soldat zur Infanterie. Wir bekamen keine neue Uniform, nur Wickelgamaschen. Stiefel gab es nicht und Schuhe nicht in der passenden Größe. Der Kommandeur war noch sehr jung, aber schon Gefreiter. Ich siezte ihn, und er duzte mich. Ich kam zu den Maschinengewehrschützen. Wissen Sie, was ein schweres Maschinengewehr ist? Es wiegt 64 kg. In unserem Trupp waren wir zu fünft. Ich war die Nummer zwei, als erster Kanonier. Die drei anderen schleppten die Patronengurte, so wie im Film „Tschapajew“; dieses Modell stammte noch aus der Zeit des Bürgerkriegs.

 

Damals erfuhr ich zum ersten Mal den Geschmack einer Brühe aus einem Kochgeschirr für zwei. Nach der Blockade hatte ich ja eine Ernährungsstörung. Wenn ich also einen Löffel zum Mund führte, hatte mein Kamerad schon drei Löffel geschöpft.
 

Durch das Leben an der Front wurde ich physisch stärker, auch wenn dort direkt geschossen wurde im Gegensatz zum langsamen Hungertod während der Blockade. Auch wenn es nicht jeden Tag warme Küche gab, wurden wir mit einem Laib Brot pro Soldat oder mit getrocknetem Brot mit Speck oder Schmalz versorgt.
Unser erster MG-Schütze wurde in einem Gefecht bei Siwerski verwundet, und ich rückte für ihn nach. Bald darauf erwischte es auch mich, ich wurde durch einen Splitter aus einem Granatwerfer am Kopf verletzt. In der Sanitätsstelle zog eine Krankenschwester die größten Splitter aus meinem kahl geschorenen Kopf, die kleinen sind jetzt noch drin, rieb alles mit Jod ein, legte einen Verband an und schickte mich zurück zu meinem Trupp: „Nun lauf schon, leg los, gewöhn dich schon mal an eine neue Truppe.“ Unterwegs konnte ich mich nicht zurückhalten und machte einen Abstecher in unsere ehemalige Werkskantine. Dort waren die Kartoffeln noch warm in den Kochgeschirren, die die Faschisten zurückgelassen hatten. Mit diesen Kartoffeln und Salz feierten wir dann meine Rückkehr zur Truppe.

 

Im Krieg bleiben selten solche Alltags-Wehwehchen wie eine Erkältung oder Durchfall an einem hängen, für solche Kleinigkeiten ist keine Zeit. Als sich die Deutschen in der Schlacht an der Luga zurückzogen, konnte man vor den vielen Gefallenen beider Seiten kaum einen Schritt machen. Der Fluss ist klein, und sie gingen nicht einmal unter. Aber wir mussten weiter, und so nahmen wir unsere Helme, um die Leichen zu vergraben. Und wir tranken das gefrorene Wasser mit dem Blut der Toten, um unseren Durst zu stillen.
 

Für diese Schlacht wurde ich mit dem Orden des Vaterländischen Krieges 1. Klasse ausgezeichnet.
Wahrscheinlich spielte für mich als ehemaliges Blockadeopfer das Essen doch eine gewisse nahezu heilige Rolle in meinem Kriegsalltag. An der Narwa geriet ich mit vollem Kochgeschirr auf freiem Feld in einen Beschuss durch Scharfschützen. Mein Kamerad wurde getötet, und ich trug eine Knochenverletzung davon. Ich war ja selbst schuld, weil ich den Hunger nicht ausgehalten hatte und nach dem Zwieback im Rucksack gekrochen war, so dass ich mich durch die Bewegung im Schnee verriet. Irgendwie habe ich es dann geschafft, bis zu Unseren zu kriechen: „Entschuldigt bitte, dass ich es vermasselt habe, aber hier habe ich etwas, was ich mit euch teilen kann …“

 

Später kam ich zur Genesung in ein Leningrader Lazarett. Da fuhr ich zum ersten Mal nach der Blockade wieder mit der Straßenbahn über den Newski Prospekt. Während dieser Kur konnte ich es nicht lassen und half beim Registrieren der Verwundeten.

Dann ging ich wieder an die Front, nach Ostpreußen, wurde wieder schwer verwundet und einen Monat vor dem Sieg aus dem Lazarett entlassen. Als wir erfuhren, dass Berlin eingenommen ist, feierten wir das mit ein paar Flaschen Wein, den wir im Keller eines von seinen Besitzern verlassenen Hauses gefunden hatten. Die Straßen waren leer. Die Menschen hatten Angst vor uns Russen und versteckten sich. Es gab aber kein wüstes Gelage, was ich mit voller Verantwortung erklären kann. Auf Befehl des Kommandanten waren Plünderungen streng verboten, zumal die Wohnungen mit den Wertsachen unbeaufsichtigt waren.


In Schwerin diente ich dann noch ein Jahr und acht Monate lang. Und was war ich nun für ein Kriegsspezialist? Ich wurde bis zum Leutnant befördert. 1947 kehrte ich wieder in unsere Gießerei zurück, wo ich noch bis 1986 gearbeitet habe.

Im Scherz wurde ich im Werk „Oberveteran des Werkes“ genannt, damit meine ich, dass ich ja seit 1929 dort gearbeitet habe. Machen Sie sich am besten selbst Ihr Bild …

 

Marina Lewandrowski

(Übersetzt von Ehrengard Heinzig)

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