Dr. Werner Didzuhn

Meine erste Begegnung mit den Russen
Aus den Erinnerungen von Dr. Werner Didzuhn

 

Es war am 1. Mai 1945 in Brandenburg. Wir hatten gerade gefrühstückt, da kamen Nachbarskinder gelaufen und riefen: „Russen sind da!“. Sie zeigten auf das große Feld hinter unserer Wohnlaubensiedlung. Da unsere Wohnlaube sich in der Mitte der Laubenkolonie befand, war von uns aus nichts zu erkennen. Die Neugier ließ uns keine Ruhe, wenn auch eine gewisse Angst vorhanden war. Aber die kleinen Kinder drängten zu den Wiesen, auf denen die sowjetischen Soldaten lagerten. Sie hatten ihre Scheu längst überwunden, weil die Soldaten schon mit den kecksten Kleinen spielten.


Das Bild war denkbar friedlich, angesichts des immer noch nicht beendeten Krieges. Ich schätzte die Gruppe der dort lagernden Rotarmisten auf Bataillonsstärke. Als Pimpf des Jungvolkes hatten wir längst gelernt, in welche Einheiten sich Armeen gliederten. Dennoch kam mir vieles fremdartig vor. Es waren nicht nur die erdbraunen Uniformen, sondern auch die gummibereiften Pritschenwagen und die dazu gehörigen kleinen Pferde. Sie waren uns als „Panjewagen“ zwar begrifflich bekannt, aber in natura hatten wir sie noch nicht gesehen. In „unserer Armee“ war alles motorisiert. Auch die Dienstgradbezeichnungen schienen unterschiedlich zu sein, es war schwer auszumachen, wer Offizier und wer ein Mannschaftsdienstgrad war.


Sie waren beim „Essenfassen“, wie es im Barras-Jargon hieß, den wir als Pimpfe ebenfalls schon beherrschten. Merkwürdig war, dass sie am frühen Morgen schon Mittag aßen! Sie aßen aus Schüsseln eine Krautsuppe und bissen dabei von großen Brotstücken ab. Komisch war auch, dass viele bärtige Soldaten dabei waren, die aus unserer Sicht zu alt für die kämpfende Truppe waren. Aber da habe ich mich sicher vom Aussehen täuschen lassen.


Viele Kinder saßen bereits bei den Soldaten auf dem Schoß, die mit ihnen scherzten und ihnen zu essen gaben. Wir größeren wollten eigentlich nur sehen, wie jene aussahen, die die Unsrigen besiegt hatten. Ich war unsicher, was geschehen würde und wollte mich möglichst unauffällig wieder davonmachen. Aber dazu kam ich nicht. Einer der Rotarmisten, der einen großen Schnurrbart trug und wohl einen etwas höheren Dienstgrad hatte als die bei ihm lagernden Soldaten, winkte mich heran. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Langsam und unsicher setzte ich mich in Gang. Das war ihm wohl zu langsam und er winkte mich energischer zu sich heran. In der Nähe stand eine Feldküche und er sagte etwas zu dem Koch. Dieser reichte ihm eine Schüssel, die mit einer dicken Suppe gefüllt war. Der Sergeant (ich gebe ihm nachträglich diesen Dienstgrad) reichte mir ein Glas Wasser, das bis zum Rand gefüllt war, mit behutsamer Geste, als wollte er keinen Tropfen verschütten und machte mit der anderen Hand die Bewegung des Trinkens. Zu Hause tranken wir zum Frühstück nur Malzkaffee. Daher kam es mir reichlich komisch vor, dass die Russen zum Frühstück Wasser tranken. Bloß nichts falsch machen, war mein Gedanke. Wasser kann ja keinen Schaden anrichten. Wenn wir im Sommer großen Durst hatten, tranken wir es direkt von der Pumpe. Einen besseren Durstlöscher habe ich bis zum heutigen Tag nicht kennen gelernt. Also, Wasser ist nicht verkehrt, auch nicht am frühen Morgen, und ich nahm einen großen Schluck.

 

Ein Feuerstrahl raste durch meinen Schlund hinunter und schien im Magen zu explodieren. Ich rang nach Luft und glaubte mich vergiftet. Das alles dauerte wohl nur wenige Augenblicke. Das Glas hatte ich trotz dieses Schrecks festgehalten und reichte es zurück. Der Sergeant (bleiben wir dabei) murmelte etwas in der Art wie nu, nu, nitschewo. Die anderen Soldaten, die offensichtlich gespannt auf meine Reaktion gewartet hatten, krümmten sich vor Lachen. Der Sergeant reichte mir jetzt die Schüssel mit der Suppe und einen Löffel und bedeutete mit zu essen. Obwohl ich ja gerade erst gefrühstückt hatte und der Wodka noch grässlich im Magen brannte, wollte ich den Rotarmisten nicht reizen und begann zu essen. Was war das? Das ist ja Sauerkohl! Wie kann man denn aus Sauerkohl eine Suppe kochen?  Sollten sie machen, was sie wollen, jetzt war es genug! Ich würgte den ersten Löffel voll tapfer hinunter, reichte aber die Schüssel unter energischem Kopfschütteln zurück. Das Donnerwetter, das ich dafür erwartete, blieb aus. Stattdessen sagte der Sergeant etwas zu dem Soldaten, der die Feldküche betreute. Der ging zu einem Panjewagen und holte aus einem Kasten etwas hervor, was er in eine ausgebreitete Zeitung wickelte, dann noch einmal und noch einmal. Das brachte er dem Schnurrbärtigen. Dieser legte mir die eingewickelten Sachen in meine Arme. Es waren zwei Kastenbrote und ein großes Stück bunten Specks. „Nu, domoi“, sagte er dazu. Ich wusste nicht, wie mir geschah und war so verwirrt, dass ich nicht recht verstand, was ich tun sollte. Wieder sagte der Sergeant: „Domoi!“ und wies mit der Hand zu unserer Gartenkolonie. Wir trollten uns also nach Hause.


Das war meine erste Begegnung mit Bürgern der Sowjetunion, die für mich ganz persönlich, aber auch für meine dabei gewesenen Geschwister gänzlich anders verlief, als uns die faschistische Propaganda eingehämmert hatte. Weitere Begegnungen folgten nur wenig später und das anfänglich zwiespältige Gefühl und noch vorhandene Misstrauen wichen nach und nach wachsender Neugier und Sympathie und schließlich großer Hochachtung und Freundschaft.


Das große Sowjetreich ist inzwischen zerfallen, aber die Freundschaft und Liebe zu den Bürgern der inzwischen selbständig gewordenen Teilstaaten, besonders aber zu den großherzigen Russen, deren Sprache ich gelernt habe, ist geblieben.

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